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Mental Health am Arbeitsplatz: Darum darf es kein Tabu Thema sein

Lisa Rätze
Lesezeit: ca. 6 Minuten

Die moderne Arbeitswelt stellt die Menschen heute vor enorme Herausforderungen. Alles muss schnell, effizient und fehlerfrei funktionieren. Jeder muss immer und überall erreichbar sein, gut gelaunt und stets bereit, das Beste zu geben. Für den Job - keine Frage.

in der Freizeit Weiterbildungen besuchen? Normal. Im ersten Urlaub seit zwei Jahren an der wichtigen Präsentation für die Aufsichtsratssitzung arbeiten? Natürlich.

Experten sprechen von „Entgrenzung“ – die Grenzen zwischen Privatleben und Beruf verschwimmen und immer weniger Menschen schaffen es, eine gesunde Balance zu halten. Die Corona-Pandemie mit dem plötzlichen Wechsel ins Home-Office und vielen privaten Einschränkungen trug negativ zu dieser Entwicklung bei.

Die Konsequenz der bisherigen Praxis offenbart sich in einer dramatisch ansteigenden Anzahl von Ausfalltagen wegen psychischer Erkrankungen. Laut des aktuellen Psychreports der DAK-Gesundheit lag die Anzahl der Fehltage in 2021 etwa 41 Prozent über dem Niveau von vor 10 Jahren. Die DAK gibt darüber hinaus an, dass psychische Probleme nach wie vor in vielen Firmen ein Tabuthema darstellen. Während in der Personalabteilung eine Krankschreibung nach der anderen eingereicht wird, entscheiden sich Personalverantwortliche immer noch aktiv dafür, dieses sensible Thema zu ignorieren und lieber neben der Mitgliedschaft für das Fitnessstudio noch einen vergünstigten Yoga-Kurs anzubieten.

Führungskräfte müssen Mental Health in den Fokus rücken und lernen, ihre Mitarbeiter bestmöglich zu unterstützen. Mit diesem Artikel möchten wir dir einige Anregungen und Tipps mit auf den Weg geben, damit du das psychische Wohlbefinden deiner Angestellten aktiv unterstützen kannst.

Warum spielt die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz eine immer größere Rolle?

Schon vor der Corona-Pandemie waren psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depression oder Burnout ein großer wirtschaftlicher Risikofaktor. Sie sorgten immer häufiger für Fehlzeiten. Insgesamt gehen laut dem Bundesministerium für Gesundheit heute rund 15 Prozent aller Fehltage auf Erkrankungen der Psyche zurück. Besonders kritisch für Unternehmen ist die Krankheitsdauer in diesen Fällen. Sie ist mit 36 Tagen rund dreimal so hoch wie bei anderen Erkrankungen. Dabei sind alle Altersgruppen gleichermaßen betroffen.

Auf den betroffenen Personen lastet darüber hinaus ein großer gesellschaftlicher Druck. Denn psychische Erkrankungen werden nach wie vor stigmatisiert und tabuisiert. Dieses Klima des „Totschweigens“ wirkt sich auch negativ auf die Rückkehr in den Beruf aus, denn oft nehmen Angestellte einige Symptome als Langzeitfolgen mit in ihren Arbeitsalltag.

Für Unternehmen wiederum bedeutet dies: Erhöhte Personalausfälle, eine verringerte Leistungsfähigkeit (häufig auch nach der akuten Erkrankung) und letztlich immense Ausgaben. Doch die gute Nachricht lautet: Die Lage ist nicht aussichtslos. Das Zauberwort heißt Prävention.

Welche Rolle spielt HR im Hinblick auf Mental Health?

Mitarbeiter einer Personalabteilung würden Gesundheitsvorsorge wohl nicht als erstes nennen, wenn sie über ihren Aufgabenbereich sprechen. Doch Kollegen und vor allem Manager der HR sollten die Verantwortung gegenüber den Bedürfnissen der Betroffenen ernst nehmen. Und das über die Verwaltung von Personalakten hinaus. Die Crux dabei ist, dass immer mehr Personalverantwortliche angeben, in ihrem Arbeitsalltag überfordert zu sein Die Last der modernen Arbeitswelt allein auf den Schultern der HR abzuladen ist nicht die Lösung und trotzdem spielt diese Abteilung eine wichtige Schlüsselrolle für die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz.

Die Personalabteilung ist die erste Anlaufstelle für die persönlichen Bedürfnisse der Mitarbeiter. Ihre Aufgabe ist es, das Wohlbefinden der Angestellten zu begleiten und zu sichern. Nach und nach erkennen immer mehr Unternehmen den Wert einer umfassenden Präventionsstrategie und beauftragen die HR mit der Ausarbeitung eines Wellbeing-Konzepts. Auf praktische Tipps für die Stärkung der psychischen Gesundheit werden wir gleich eingehen.

Vorher jedoch ein wichtiger Punkt, den viele Unternehmen übersehen: Die HR-Manager, und generell Führungskräfte, haben eine Vorbildfunktion und müssen die Kultur selbst leben, die sie etablieren möchten. Auch sie sollten regelmäßige Urlaube nehmen, ihre Überstunden in Grenzen halten und die Mittagspause zum Essen und nicht zum Arbeiten nutzen. Vor allem aber sollten sie Offenheit für das Thema psychisches Wohlbefinden ausstrahlen. Das Mindset der Führungsebene muss in dieser Hinsicht sensibilisiert werden.

Das HR-Team kann innerhalb des Unternehmens als Motor dafür dienen, psychische Gesundheit zu normalisieren. Eine offene Kommunikation ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Neben diesem Wahrnehmen der Vorbildfunktion kann der Personalbereich zu regelmäßigen Mitarbeitergesprächen einladen, Vorträge zum Thema Mental Health organisieren oder Teamevents anregen.

Wie können Unternehmen die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter stärken?

Die wirtschaftlichen Folgen der zunehmenden psychischen Belastungen am Arbeitsplatz können durch eine umfassende und nachhaltige betriebliche Gesundheitsförderung erheblich gemildert werden. Die Prävention und Förderung der mentalen Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung und Unternehmen stehen zunehmend vor der Frage: Wie können wir unsere Arbeitnehmer bestmöglich unterstützen?

Es gibt viele verschiedene Strategien zur Förderung der psychischen Gesundheit, aus denen Unternehmen auswählen können. Nachdem diesem Aspekt der Gesundheitsförderung die nötige Aufmerksamkeit eingeräumt wurde, kann die strategische Planung erarbeitet werden.

Nicht jeder Betrieb hat die personellen und finanziellen Kapazitäten, um die Gesundheitsvorsorge in diesem Bereich allein sicherstellen zu können. Aus diesem Grund gibt es viele externe psychologische Beratungsstellen, die Personalabteilungen unterstützen. Sie können von Mitarbeitern für vertrauliche Gespräche kontaktiert werden oder auch bei globalen Strategien beratend zur Seite stehen. Oft bieten sie auch Trainings und Weiterbildungen für Führungskräfte zum Thema Mental Health an. Ergänzend dazu wurden in den letzten Jahren HR-Programme entwickelt, die es Mitarbeitern ermöglichen, anonym Themen anzusprechen und ihre Sorgen zu äußern.

Während der Ausarbeitung eines Gesundheitskonzepts dürfen Unternehmen allerdings nicht den Fehler machen, sich ausschließlich auf Massagegutscheine und gute Gespräche zur Symptombehandlung zu verlassen. Hausgemachte Probleme wie starre Hierarchien, ein feindseliges Betriebsklima und die Förderung von Einzelkämpfern begünstigen das Entstehen psychischer Belastungen. Ein reflektierter Blick auf die eigene Unternehmenskultur sollte daher stets Teil der Strategie-Erarbeitung sein. Auch Themen wie Diversität und Inklusion müssen berücksichtigt werden, denn individuelle Stressfaktoren können unter Umständen auf die tägliche Konfrontation mit rassistischen, sexistischen oder diskriminierenden Strukturen zurückzuführen sein.

Hier noch einige Denkanstöße für die Mental Health-Prävention:

  • Kooperationen im Sinne der mentalen Gesundheit etablieren (Meditations-Apps, Sportmitgliedschaften),

  • regelmäßige Schulungen und Workshops zum Thema psychisches Wohlbefinden durchführen,

  • Hierarchien überdenken und Verantwortungsbereiche aufteilen,

  • anonyme und offene Kanäle zur Äußerung von Feedback und Problemen einrichten,

  • Zusammenarbeit und ein wertschätzendes Betriebsklima fördern,

  • gemeinsame Teamevents, Pausengespräche und Betriebsausflüge initiieren,

  • eine positive Fehlerkultur etablieren,

  • Maßnahmen für mehr Umweltschutz und Nachhaltigkeit integrieren (grüne Initiativen steigern das Wohlbefinden des Personals),

  • regelmäßige Überprüfung der Effektivität der gewählten Maßnahmen.

Für jede Form der Prävention gilt allerdings auch: Alles kann, nichts muss. Und niemand darf zur Teilnahme an Gefühlskreisen und Team-Building-Events gedrängt werden. Nach und nach zeichnet sich ein Wandel hin zu mehr Offenheit im Umgang mit psychischen Problemen ab. Dieser Wandel geschieht jedoch nicht von heute auf morgen und daher brauchen auch die motiviertesten HR-Manager Geduld. Die Corona-Krise scheint in dieser Hinsicht einen positiven Nebeneffekt zu haben: Immer mehr Menschen lernen, offener über das Tabuthema Mental Health zu sprechen und so sollten es auch Unternehmen machen.

Quellen:

https://www.dak.de/dak/bundesthemen/psychreport-2022-2533048.html#/

https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/betriebliche-gesundheitsfoerderung/gesundheit-und-wohlbefinden-am-arbeitsplatz.html

https://insights.urbansportsclub.com/de/mitarbeiterbindung/hr-gesundheit-die-grundlage-fuer-eine-psychisch-stabile-belegschaft/

Über die Autorin: Lisa Rätze
Lisa Rätze

Lisa Rätze ist Redakteurin bei hiral für HR-Themen. Sie hat einen Abschluss für das Studium Lehramt an Grundschulen, unter anderem mit dem Studienfach Deutsch, und befindet sich nun im Bachelor für Psychologie. Ihr Fokus liegt auf Persolmanagement und Recruiting.

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